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Der blanke Horror

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VON MARIA GAMBINO UND TIM STINAUER 

„Ich bin schockiert, die fünf Karnevalstage waren der blanke Horror“, sagt Anwohnerin Judith Koch über die Situation an der Zülpicher Straße. Während in den Veedeln und in der Altstadt teilweise gähnende Leere herrschte, platzte das Kwartier Latäng allabendlich aus allen Nähten. Zum Leidwesen von Ordnungskräften, Wirten und insbesondere Anwohnern: Die 57-Jährige hat von ihrer Wohnung aus groteske Szenen an der Kreuzung Roonstraße/Zülpicher Straße beobachtet. 

„Drei Mädels wurden abtransportiert, weil sie besinnungslos waren. Eine Gruppe von etwa 15 Leuten hat nach 20 Minuten Aufenthalt einen Haufen Müll hinterlassen, teilweise noch volle Bierdosen. Und einige sind auf einen Wagen geklettert und darauf herumgesprungen. Der ist nun Schrott“. Die Jugendlichen urinieren in Hauseingänge, besprühen sie mit Farbe, schmeißen Urinale um, zerschlagen Scheiben. „Unsere Haustür ist kaputt. Das ist nun schon das dritte Mal“, sagt Koch. Sie lebt seit zehn Jahren hier. Die Situation habe sich in den vergangenen Jahren drastisch verschlechtert. Aus ihrer Sicht handelt es sich um „aggressives, asoziales Publikum. Viele, die sonst eher auf den Ringen waren. Solche, die aus einem bestimmtem Zuhause kommen“. 

„Saufkids“, vor allem aus dem Umland. So bezeichnet Wirt Markus Vogt vom IG Gastroverein Kwartier Latäng das Publikum. „Minderjährig, sehr alkohollastig, aber auch unerfahren, damit umzugehen, und daher umso enthemmter“, sagt der Betreiber der Bar Soylent Green. Je größer die Massen auf der Straße, desto schlechter sei es für das Geschäft der Wirte. „An Weiberfastnacht war die Straße voll, die Kneipen aber nur halb“. Die Jugendlichen begnügen sich mit Kioskbier, bringen selbstgemischte Getränke wie Wodka-Orangensaft mit. „Ich hatte 60 Prozent weniger Umsatz“, bilanziert Vogt.

Auch Lutz Nagrotzki von der Piranha Bar in der Kyffhäuserstraße klagt. Die wirtschaftliche Bilanz sei durchwachsen. „Donnerstag kamen die Gäste wegen des städtischen Sperrkonzepts nicht mehr zu uns durch“. Als Karnevalist bedauert er den schlechten Ruf des Veedels. „Man muss öfter sagen, dass es hier viele kölsche Institutionen gibt, die das Brauchtum leben“, so der Wirt.

Für Vogt begann das Übel mit den Massen vor ein paar Jahren mit der Einführung der Bühne an den Uniwiesen, die von der Stadt als sogenannte Entlastungszone eingerichtet worden war. Zwar gab es diesmal kein Programm, doch das eingezäunte Gelände mit Bierständen sei einem Festivalgelände sehr nah gekommen. „Das zieht noch mehr Leute an. Man hat sich das Problem selbst erschaffen. Es gab früher verschiedene Feierhotspots wie die Altstadt oder Südstadt, man hat die problematische Klientel zielgerichtet umgeleitet, und jetzt sind wir der einzige Hotspot“.

Eine Dezentralisierung des jugendlichen Zustroms fordert auch die Vorsitzende des Bürgervereins Rathenauplatz Kathrin Herzog. „Wir brauchen alternative Plätze, wo Jugendliche feiern können. Man könnte ohne Probleme eine Bühne auf den Ringen aufbauen, wo auch schon die Popkomm stattfand. Auf der Deutzer Werft gibt es große Flächen, wo Anwohner nicht direkt in ihrem Vorgarten oder sogar im eigenen Treppenhaus Alkoholleichen und Exkremente vorfinden.“ Zudem möchte sie, dass die Stadt die Anwohnerschaft auch aktiv mit einbinde. 

Polizisten sowie Kräfte des Ordnungsamtes berichten dem „Kölner Stadt-Anzeiger“, es seien vor allem Gruppen junger Männer gewesen, die auf der Zülpicher Straße gezielt Gewalt gesucht hätten. „Die hatten nicht die Absicht zu feiern“, sagt ein Mitarbeiter des Ordnungsamtes, der an Karneval im Einsatz war. „Die waren einzig und allein auf Stress aus.“ Er habe beobachtet, wie sie sich in Kleingruppen, aber auch in größeren Gruppen von 20 bis 30 Personen regelrecht „zusammengerottet“ hätten, um gezielt Einsatzkräfte oder Feiernde anzugreifen, zu provozieren oder auszurauben. „Das habe ich so auf der Zülpicher Straße noch nie erlebt“, sagt der Beamte des Ordnungsamtes. Ein Hundertschaftspolizist bestätigt: „So extrem wie in den vergangenen Tagen war es dort an Karneval noch nie.“

Feuerwehr und Rettungsdienst mussten zahlreiche Opfer mit Schnittverletzungen behandeln und solche, die zu viel Alkohol getrunken hatten. Als „fatal“ beschreibt der Mitarbeiter des Ordnungsamtes, dass das Glasverbot auf der Zülpicher am Samstag offiziell erst um 15 Uhr in Kraft getreten sei. „Da war die ganze Straße längst voller Scherben, die Leute hatten ja schon um zwölf Uhr angefangen zu trinken.“

Nach Auskunft des städtischen Presseamtes wurden fünf Ordnungsdienstmitarbeiter durch Angriffe verletzt, auch Security-Mitarbeiter an den 2G-plus-Kontrollstellen seien „stark attackiert worden“. Menschen seien auf Ampeln, Bäume und Toilettencontainer gestiegen. Man werde die diesjährigen Geschehnisse nun mit allen Beteiligten „beleuchten, um Maßnahmen weiterzuentwickeln oder nachzubessern“.

Mit Blick auf die Wochenenden im Sommer sei an eine zusätzliche Aufstellung und Leerung von Mülleimern gedacht, an verstärkte Kontrollen durch das Ordnungsamt im Umkreis des Zülpicher Platzes und eine stärkere Polizeipräsenz. Weitere Maßnahmen hinsichtlich des extremen Nachtlärms seien in Planung."